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Eigenes Saatgut gewinnen

Eigenes Saatgut gewinnen

 

Eigenes Saatgut

 

Einführung: Aussaat in Gewächshaus und Freiland

Pflanzenanzucht ist eine DER klassischen Gewächshausnutzungen. Dank des sprichwörtlichen Gewächshaus Effekts sind die Temperaturen im zeitigen Frühjahr deutlich günstiger als im Garten. Im Gegensatz zum Wohnhaus kann die Luftfeuchte im Gewächshaus ganz nach Pflanzenbedarf reguliert werden. Eine hochwertige Gewächshaus Verglasung lässt zudem das notwendige UV-Licht ins Gewächshaus eindringen und bietet zusätzlich den idealen Arbeitsplatz, um mit Erde und Wasser zu hantieren.

Die Möglichkeiten der Pflanzenvermehrung im Gewächshaus sind zahlreich und richten sich u.a. nach der jeweiligen Pflanzengattung. Bei Erdbeeren bietet es sich an, Ableger abzutrennen, Stauden werden häufig geteilt, bei Gehölzen kommen Steckhölzer, Absenker, Abmoosen zum Einsatz. Die allermeisten Gemüse-, Kräuter- und Sommerblumen-Arten hingegen gehen spätestens beim ersten Frost ein und werden daher  jedes Jahr neu aus Samen gezogen.

Die Gewächshaus Aussaat hat als Verfahren den Vorteil, keine eigene Mutterpflanze zu benötigen (und diese mühsam über den Winter bringen zu müssen), sondern nur ein kleines Samentütchen. Zudem zählt die Aussaat zu den ergiebigsten Vermehrungsverfahren: Viele Gemüsearten produzieren hunderte von Samen, also jede Menge für die paar Pflanzen, welche man für seinen Haushalt benötigt. Standard-Saatgut erhält man in jedem Gartencenter, spezialisierte Saatgut-Händler (s.u.) bieten noch wesentlich mehr Vielfalt.

 

Saatgutproduktion aus Gewächshaus und Freiland

Doch genau um das Thema „Vielfalt beim Saatgut“ ist in den letzten Jahren eine größere Debatte entstanden. Eigentlich ist die generative Fortpflanzung die Chance, neues Erbmaterial zuzuführen.

Samenpflanzen nutzen die flexiblere geschlechtliche Fortpflanzung oftmals, um neue Standorte zu erschließen, wohingegen die vegetative Vermehrung (Ausläufer, Brutknospen, Knollen…) mit identischem Erbgut dazu dient, sich an einem günstigen Standort auszubreiten. Ca. 30 Jahre werden z.B. bei Gemüse benötigt, bis eine sogenannte Land-/ Lokalsorte entstanden ist, sprich die neue Sorte an den Standort angepasst ist, weil Niederschläge, Trockenheit, Nährstoffverfügbarkeit usw. als natürlicher Auslesefaktor („Selektion“) gewirkt haben. So sind im Laufe der Jahrtausende unzählige Sorten von Obst, Gemüse und teilweise auch Kräutern entstanden. So gibt es zum Beispiel ca. 10.000 Tomaten- und ca. 30.000 Apfelsorten. Doch in den vergangenen 50 bis 80 Jahren haben Obst und Gemüse viel von ihrem Sortenreichtum eingebüßt. Lediglich sieben Apfelsorten werden regelmäßig im Handel angeboten: Boskoop, Cox Orange, Golden Delicious, Elstar, Gloster, Jonagold und Granny Smith. Ähnlich verhält es sich bei Tomaten und Gurken.

Denn für Erwerbsgärtner und Landwirte spielen zwangsweise Transportfähigkeit, Uniformität, synchrone Fruchtreife, Ertragssteigerung, maschinelle Bearbeitungsmöglichkeit und andere Anpassungen an Transport-, Wirtschaft- und Gesetzesvorgaben bei Nutzpflanzen die größte Rolle. Vor allem aber darf Saatgut – nach Saatgutgesetz – nur nach einem umfangreifen und kostenpflichtigen behördlichen Anerkennungs-/ Zulassungsverfahren in Verkehr gebracht und anschließend gewerblich angebaut werden, so dass sich die Saatgutproduktion der vergangenen Jahrzehnte immer stärker auf wenige Firmen konzentriert hat. 2013 beherrschten drei große Konzerne 53 Prozent des globalen Handels mit geschütztem Saatgut (s. Weltagrarbericht) und nebenbei auch einen großen Anteil des weltweiten Marktes für Pflanzenschutzmittel. Dieses geschützte Hochleistungs-Saatgut darf i.d.R. nur mit Erlaubnis des Züchters vom Landwirt erneut ausgesät werden. Bei patentierten Sorten sind die Regeln noch schärfer. Simultan wurden zunehmend mehr F1-Hybrid-Samen produziert. Aus solchen Pflanzen kann für das Folgejahr kein Saatgut gewonnen werden. Es muss stattdessen jedes Jahr erneut gekauft werden.

Relativ wenig Beachtung fanden in diesem Prozess Zuchtziele wie Aroma- und andere gesundheitsförderliche Inhaltsstoffe, interessante Variationen in Farbe und Form, Kocheigenschaften, sowie natürliche Resistenzen, Biodiversität, Samenfestigkeit und Ertragssicherheit ohne größeren Einsatz von Pflanzenschutzmittel, welche sich in vielen Fällen durch eine Standorteignung ergibt.

Doch Hobbygärtner verfügen über Wahlfreiheit ihres Saatguts für Freiland und Gewächshaus und somit auch ihrer Lebensmittelsorten. So sind z.B. 1982, 1986 und 1990 Vereine (s.u.) in Deutschland, Österreich und der Schweiz entstanden, die sich mit dem Erhalt „alter“ Kultursorten befassen. Hier tauschen nicht-kommerzielle Gärtner Samen und Wissen. Auch manche Firmen bemühen sich um eine größere Auswahl samenfester Sämereien, sei es nun bei Stauden, Sommerblumen, Kräutern oder Gemüse. Ausgestattet mit dem Saatgut der Wahl besteht die Möglichkeit auf ein intensives Naturerlebnis: Die schnelle Entwicklung vom kleinen, harten Samenkorn über den zarten Keimling zur kraftstrotzenden Pflanze im Gewächshaus, inklusive duftender Blüten und aromatischer Früchte, ist faszinierend und erfüllt einen jedes Jahr aufs Neue mit Staunen und Stolz.

 

Eigenes Saatgut im Gewächshaus gewinnen

Um eigene Sämereien im Gewächshaus zu gewinnen, müssen die Samenträger zum passenden Zeitpunkt geerntet und dann pflanzenspezifisch gereinigt, getrocknet und richtig aufbewahrt werden.

Bei dieser „Saatgutaufbereitung“ wird grundsätzlich zwischen Nassreinigung bei dem wasserreichen Fruchtgemüse und Trockenreinigung bei allen Anderen unterschieden. Die Trockenreinigung beginnt mit dem Trocknen der Samenträger, die Nassreinigung endet damit. Bei der Nassreinigung wird zudem zwischen dem Vorgang mit und ohne Gärung unterschieden.

 

Saatgut ernten

Fruchtgemüse wie Gurken, Tomaten, Paprika, Auberginen und Monatserdbeeren werden im Gewächshaus vollreif, also nach der vollständigen Farbausprägung geerntet. Bei Salat, Haferwurz und anderen Korbblütlern sollte man warten, bis die Samen beinahe von selbst abfallen und dafür vor Nässe von oben schützen. Erbsen, Bohnen und andere Hülsenfrüchte werden erst geerntet, wenn sie vollkommen trocken und brüchig (Zuckererbse: zäh) sind. Schoten von Kohl, Radieschen und anderen Kreuzblütlern hingegen sollten zwar goldbraun, aber noch überwiegend weich sein. Die Faustregel lautet: Je besser die Samen ausgereift sind („Vollreife“), umso besser die Aussaat!

 

Saatgut aufbereiten

Nassreinigung mit Gärung – Saatgutaufbereitung von Tomaten und Gurken aus dem Gewächshaus:

  1. Die Tomaten aus dem Gewächshaus zerdrücken, die Gurken aufschneiden, die Samen mit Einbettungsgewebe mittels Löffel herausschaben.
  2. Zusammen mit etwas warmen Wasser (23 – 30°C wären optimal) in ein sauberes Gefäß aus Glas, durchsichtigem Kunststoff, notfalls Porzellan oder Steingut füllen.
  3. Das Gemisch ein bis zwei Tage leicht abgedeckt z.B. mit einem Küchentuch stehen lassen, die Maische wiederholt umrühren! Bei Beginn des Gärprozesses setzen sich die Samen am Boden der Gefäße ab, das Fruchtfleisch sammelt sich im oberen Teil des Glases an. Die Samen fühlen sich nun nicht mehr glitschig, sondern rau an, weil die Keimschutzschicht abgebaut ist. Es darf zu keinem weiteren Gärprozess kommen, denn dabei würden die Samen anfangen zu keimen und so verderben!
  4. Behutsam die schwimmenden Teile abgießen.
  5. Unter fließendem Wasser in feinmaschigem Sieb auswaschen oder so häufig in einem Gefäß mit Wasser aufgießen, umrühren und das Wasser mit dem Fruchtfleisch abgießen, bis das Wasser klar bleibt.
  6. Die Samen in kleinen Mengen, ausgebreitet auf einem Filterpapier oder einem Kaffeefilter bei 23 bis 30°C trocknen. Nach ca. zwei Tagen sollte das Abfüllen möglich sein.
  7. Kirsche, Pflaume und Beerenobst funktionieren ähnlich, nur muss das mürbe Fruchtfleisch mittels Brause auf einem Sieb von den Samen getrennt werden. 

 

Nassreinigung ohne Gärung – Saatgutaufbereitung von Auberginen, Melonen und Physalis aus dem Gewächshaus:

  1. Samen aus vollreifen Gewächshaus Früchten herausschaben.
  2. Unter fließendem Wasser in feinmaschigem Sieb auswaschen. Falls sich Samen und Fruchtfleisch nur schwer voneinander lösen lassen, beides für 12 bis 24 Stunden in ein kaltes Wasserbad stellen, anschließend auswaschen.
  3. Samen trocknen (s.o.)

 

Trockenreinigung – Saatgutaufbereitung von Amarant, Radieschen, Artischocke, u.a. aus dem Gewächshaus

  1. Gut getrocknete Samenträger in einen Sack/ Stoffbeutel/ alte Bettwäsche füllen
  2. Je nach Empfindlichkeit der Samen den Sack auf eine eher harte Unterlage (z.B. Handtücher oder eine alte Decke auf einem Tisch oder Boden) oder weicheren Unterlage (z.B. ein sehr dickes Kissen) legen.
  3. Mit einem Holzstiel/ -stab oder einem anderen Dreschflegel auf den Sack schlagen, bis sich die Samen lösen (“dreschen“).
  4. Nun die Samen reinigen. Dafür  stehen verschiedene Techniken zur Verfügung, die sich auch kombinieren lassen: Große Samen von Hand reinigen, grundsätzlich aussieben, wiederholt von einem Gefäß in ein anderes schütten, ausblasen aus einer flachen Schüssel oder die Windreinigung mittels Schwung-Sieb. Bei Letzterer befindet sich das Saatgut in einem sehr feinmaschigen, großen Sieb (Gittergröße Nr.40). Dieses wird mit beiden Armen hoch gehalten, dann möglichst schnell(!) zunächst nach unten und dann zur Seite wegbewegt. Ist man schnell genug, sinken die tauben Samen und leichten Pflanzenteile so viel langsamer zu Boden, dass im Sieb nur die gereinigten Samen verbleiben.

 

Trockenreinigung bei Fruchtgemüse – Saatgutaufbereitung von Paprika aus dem Gewächshaus: 

  1. Samen aus vollreifen Gewächshaus Früchten mitsamt der weißen Plazenta herausschneiden.
  2. Abreiben bis sich die Samen lösen.
  3. Samen nachtrocknen lassen.
  4. Der Vorgang funktioniert auch bei Äpfel und Birnen.

 

Saatgut lagern

Sämereien können unbrauchbar werden, indem sie zur falschen Zeit bzw. vorzeitig keimen, schimmeln, durch andere Pilze oder Bakterien zersetzt oder von Mäusen, Ratten und Insekten gefressen werden. Die optimale Lagerung (nicht im Gewächshaus) schützt daher das gut abgetrocknete Saatgut vor Licht, Feuchtigkeit, Tieren, ungünstigen Temperaturen und starken Temperaturschwankungen. Ideal sind steril ausgekochte Marmeladengläser mit Bügelverschluss in einem trockenen Raum mit 0° bis 10°C. Steht kein kühler Raum zur Verfügung, kann man eine Lagerung im Kühlschrank ausprobieren, wenn die Samen zunächst in Pergamentütchen eingeschlagen, dann in dicke PE-Folien oder metallbeschichteten Säckchen eingeschweißt werden.

Glücklicher Weise sind gerade größere Samen mit harten Schalen so robust, dass bei nicht ganz perfekten Bedingungen im kommenden Frühjahr überwiegend noch keimfähig sind. Wichtig ist zu verhindern, dass Wärme und Feuchtigkeit und gar noch Licht gleichzeitig auf die Samen in der Ruhephase einwirken können.

Auch sinnvoll ist eine klare, dauerhafte Beschriftung der Aufbewahrungsbehälter mit Kulturart, Sortenname, Zeitpunkt der Ernte und ggf. Besonderheiten wie Reifegrad der Samen, Besonderheit der Sorte bzw. Selektion, Bezugsquelle, o.ä.

Die Dauer der Keimfähigkeit hängt neben der Lagerung auch von der Kulturpflanze selbst ab.
 

Übliche Maximale
Lagerfähigkeit

Pflanze

Max. 1-2 Jahre            

 Kerbel, Schnittlauch, Porree

2-3 Jahre         

 Dill, Fenchel, Petersilie, Zwiebeln

2-6 Jahre

Tomaten         

3-4 Jahre         

Bohnen, Kopfsalat, Rettich

4-5 Jahre

Kohlarten, Kohlrabi, Endivie

4-8 Jahre         

Gurken

5-8 Jahre         

Kürbis

 

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